Zwei Nachrichten kamen im Abstand von wenigen Tagen, eine aus Europa und eine aus den USA, und zusammen sagen sie mehr über die Richtung der Regulierung offener Modelle aus als jede Benchmark-Rangliste. Am 2. August 2026 hat die Europäische Kommission ihre Durchsetzungsbefugnisse für General-Purpose-AI-Modelle (GPAI) im Rahmen des AI Act aktiviert. In derselben Woche haben über 230 amerikanische Unternehmen — von Nvidia bis Microsoft, von Meta bis Mistral — einen öffentlichen Brief gegen ein mögliches Verbot der Nutzung von Open-Weight-Modellen unterzeichnet, während sich Anthropic und OpenAI öffentlich davon distanzierten. Für Unternehmen in der Schweiz, die aus Compliance-Gründen auf eine Open-First-Architektur setzen, sind das zwei Nachrichten, die man zusammen lesen sollte.
Seit gestern ist der AI Act keine Theorie mehr
Die Pflichten für Anbieter von GPAI-Modellen gelten bereits seit dem 2. August 2025, doch ein Jahr lang fehlten der Kommission die konkreten Durchsetzungsbefugnisse. Seit gestern, dem 2. August 2026, ist diese Übergangsphase vorbei: Das europäische AI Office kann nun die technische Dokumentation von Modellen anfordern, eigene Bewertungen durchführen, Risikominderungsmaßnahmen verlangen, ein Modell vom EU-Markt einschränken oder zurückziehen und Bußgelder von bis zu 3 % des weltweiten Jahresumsatzes oder 15 Millionen Euro verhängen, je nachdem, welcher Betrag höher ist. Am selben Tag traten auch neue Transparenzregeln in Kraft: Chatbots müssen offenlegen, dass sie KI-Systeme sind, Deepfakes müssen gekennzeichnet werden, und KI-generierte Inhalte müssen eine maschinenlesbare Markierung tragen.
Für Modelle, die nach August 2025 auf den EU-Markt gebracht wurden, muss die Konformität sofort gewährleistet sein; für früher veröffentlichte Modelle haben Anbieter bis August 2027 Zeit. Doch die Unterscheidung, die für ein Unternehmen zählt, das ein Modell — offen oder geschlossen — lediglich nutzt, bleibt dieselbe wie immer: Die Compliance-Verantwortung liegt nicht nur beim Labor, das es trainiert hat, sondern auch bei demjenigen, der es in der Europäischen Union in Betrieb nimmt.
In den USA hat sich die Debatte gedreht: offene Modelle verbieten oder verteidigen?
Der Erfolg von Kimi K3 Mitte Juli hat in Washington eine Diskussion neu entfacht, die bislang im Hintergrund geblieben war: das Verbot der Nutzung von Open-Weight-Modellen chinesischer Labore aus Gründen der nationalen Sicherheit. Nvidia-CEO Jensen Huang hat am 28. Juli öffentlich reagiert und Offenheit als Motor amerikanischer Technologieführerschaft verteidigt. Wenige Tage zuvor hatte eine Gruppe von Unternehmen — zunächst 25, darunter Nvidia, Microsoft, Meta, IBM, Dell, Palantir, Hugging Face, Mistral, Mozilla, die Linux Foundation, Andreessen Horowitz und Y Combinator — den Brief "Open Weights and American AI Leadership" veröffentlicht. Innerhalb weniger Tage hat sich die Zahl der Unterzeichner mehr als verzehnfacht und übersteigt inzwischen 230, darunter auch OpenAI und Google.
Die Position des Briefs ist unmissverständlich: Ein Verbot der Nutzung von Open-Weight-Modellen für legitime amerikanische Unternehmen würde niemanden aufhalten, der sie missbräuchlich einsetzen will — böswillige Akteure sind selten ordnungsgemäß registrierte Unternehmen — und würde vor allem jene Labore vor Konkurrenz schützen, die Zugang zu ihren geschlossenen Modellen über eine API verkaufen.
Anthropic bremst: Offenheit ja, aber mit mehr Vorsicht
Anthropic hat den Brief nicht unterzeichnet und stattdessen eine eigene, lesenswerte Positionierung veröffentlicht: Sie erkennt an, dass ein Open-Weight-Modell ein schwerer zu kontrollierendes Risiko birgt als ein geschlossenes, weil einmal veröffentlichte Gewichte weder zurückgerufen noch zentral mit Schutzmechanismen versehen werden können. Die Hauptsorgen betreffen autoritäre Regime, die offene Modelle für einen dauerhaften militärischen Vorteil oder zur innenpolitischen Repression nutzen könnten, sowie das Risiko von Cyber- oder Bio-Missbrauch. Doch auch Anthropic stimmt in einem Punkt mit den Unterzeichnern des Briefs überein: Ein Verbot der Nutzung — nicht der Entwicklung, sondern der Nutzung — würde diese Risiken nicht lösen. Als Alternative zu einem generellen Verbot schlägt Anthropic Exportkontrollen für Chips und Bewertungen vor der Veröffentlichung der leistungsfähigsten Modelle vor.
Was sich für ein Schweizer Unternehmen, das heute offene Modelle nutzt, konkret ändert
- Die amerikanische Debatte betrifft die Nutzung bestimmter Modelle auf US-Boden, nicht die EU oder die Schweiz: Für Sie ändert sich heute keine Pflicht, aber es ist ein Signal, dass die Frage "welches Modell, von wem trainiert, wo ausgeführt" politisch instabil bleibt — ein weiterer Grund, eine Architektur aufzubauen, die einen Modellwechsel ohne kompletten Neuaufbau erlaubt.
- Das zentrale Argument des Briefs — dass das Risiko bei denjenigen liegt, die ein Modell trainieren und missbräuchlich nutzen, nicht in der bloßen Existenz der Gewichte — ist genau die Unterscheidung zwischen Ursprung und Ausführungsort, über die wir seit Monaten schreiben: ein Grund mehr, nicht weniger, offene Modelle weiterhin auf der eigenen Infrastruktur oder einer Schweizer souveränen Cloud laufen zu lassen.
- Der AI Act ist keine Pflicht mehr nur auf dem Papier: Wenn Sie ein GPAI-Modell, offen oder geschlossen, in der Europäischen Union einsetzen, prüfen Sie jetzt, ob die technische Dokumentation Ihres Anbieters den neuen Durchsetzungsbefugnissen des AI Office genügt, bevor es jemand anderes für Sie tut.
- Die neuen Transparenzregeln — Offenlegungspflicht für Chatbots, Kennzeichnung von Deepfakes, Markierung generierter Inhalte — gelten seit gestern: Wenn Ihr Produkt eine Konversationsschnittstelle enthält oder Inhalte für die Öffentlichkeit generiert, ist jetzt der Zeitpunkt, die Konformität zu prüfen — nicht erst bei einer Kontrolle.
Genau das ist die Arbeit, die wir jede Woche mit unseren Kunden leisten: die regulatorischen Pflichten lesen, bevor sie zum Problem werden, und eine Architektur aufbauen, in der das offene Modell, das Sie heute wählen, auch morgen konform bleibt — unabhängig davon, wie sich die politische Debatte über den Trainingsort entwickelt.
- Europäische Kommission — offizielle Mitteilung zum Start der AI-Act-Durchsetzung ab 2. August ↗
- Anthropic — "Our position on open-weights models" ↗
- Tom's Hardware — Nvidia und 24 weitere Unternehmen unterzeichnen den Open-Weights-Brief ↗
- Bloomberg — Jensen Huang (Nvidia) verteidigt öffentlich Open-Weight-Modelle ↗
- Axios — OpenAI und Anthropic vereint gegen die Risiken offener Modelle ↗
- Forbes — Open-Weights-Brief verdoppelt Unterzeichnerzahl ohne Amazon und Anthropic ↗